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Die Unterordnungsgesellschaft und das universitäre Stockholm-Syndrom – Emanzipation von der Universität für eine offene Gesellschaft

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29. April 2015 von Sydney Polart ©

Warum gibt es wohl so wenige AutorInnen, die zuvor Germanistik studiert und abgeschlossen haben? Warum sind GermanistInnen derart unterrepräsentiert in der Berufsgruppe der AutorInnen, im Verhältnis dazu, wie viele GermanistInnen pro Jahr an den Universitäten graduieren? Was ist da geschehen?

Anders ausgedrückt, warum sind so wenige GermanistInnen auch AutorInnen, machen etwas daraus, haben sie doch die deutsche Sprache wie kein anderer reflektiert, haben sie’s doch gelernt, wie es sich gehört, wie man es macht?

Mag es daran liegen, dass ProfessorInnen in der Germanistik erfolgreich damit waren den Studierenden, die nicht abschließen konnten, die sie nicht abschließen ließen, weil sie nicht ausreichend zu Anpassungen und zur Haltung des Gedemütigten bereit oder fähig waren, ein Minderwertigkeitsgefühl auf Lebenszeit einzupflanzen, eines, dass sie nicht gut genug wären, um der schreibenden Zunft anzugehören? Haben sie es ja in ihren Augen nicht mal zum Abschluss ihres Studiums geschafft.

Aber auch den AbsolventInnen ergeht es nicht besser, da sie so lange von diesen ProfessorInnen erfolgreich mit dem abgefüllt wurden, wie sich’s gehört, wie die Lehre zum Schreiben steht und wie’s läuft und geht, so lange bis sich die Studierenden an ihren ProfessorInnen ein Beispiel nahmen und sich selbst auch nichts mehr Eigenes vorstellen konnten, nichts mehr Eigenes zu produzieren und zu veröffentlichen getrauten.

Ja, es wird wohl an der steten Entmutigung durch diese ProfessorInnen liegen, warum so wenige, die es gelernt haben, dann auch tatsächlich schreiben und es dann wagen ihre Texte zu veröffentlichen.

Diese Entmutigten sind die, die es studiert haben und es besser wissen; und doch müssten sie es besser wissen, als an ihrem eigenen, durch ihre ProfessorInnen ihnen eingetrichterten Ideal stets aufs Neue zu scheitern und in Angststarre, nicht und niemals qualitativ gut genug für ihre ProfessorInnen und die Öffentlichkeit zu sein, zu verharren. Sie fürchten also den eigenen und erlernten Kriterien nicht zu genügen und bei Veröffentlichung von Eigenem daher in Peinlichkeit zu vergehen.

Ja, es wird wohl daran liegen, dass diese ProfessorInnen das Ideal predigen und alle Studierenden damit demotivieren, sie regelrecht damit einschüchtern ihnen von den Größen der Literatur vorzuschwärmen.

Bei all ihrer hingebungsvollen Bewunderung vergessen sie ganz darauf, dass jene, die sie als literarische Götter hochhalten, eben meist genau jene sind und waren, die es wagen und gewagt haben, selbst nie etwas darauf gegeben zu haben, was die Lehre meint und so ausgeschert sind, um Neues zu schaffen, Stilrichtungen zu entwickeln, die Lehre für Jahrzehnte zu prägen, auf die sich dann wieder Legionen angepasster ProfessorInnen – selbst ehrfurchtsvoll eingeschüchtert – beziehen und ihren Studierenden ob deren literarischer Brillanz einschüchternd berichten und dafür konservativ Sorge tragen, dass niemand von ihrem Ideal abweicht, es niemand wagt auszuscheren und Neues zu schaffen, neue Wege zu gehen, sondern alles und jede/r beim Alten bleibt.

Ein äußerst zweifelhaftes Hoch auf diese restriktiven ProfessorInnen, deren ‚große Leistung‘ es ist, jede/n klein zu halten, um selbst noch ein bisschen größer zu sein, also selbst der/die Größte unter den Kleinen zu sein, oder vielmehr unter denen, die sie klein halten.

Im übrigen gilt das für jede Studienrichtung. Doch an den GermanistInnen wird es eben besonders deutlich und an jenen ProfessorInnen, die mit autoritärer Keule die ‚wahre Lehre‘ vertreten, damit nur für Entmutigung und Anpassung unter den Studierenden sorgen, und quasi von der Kanzel herunter letztlich nichts anderes als die Studierenden zu ängstlichen Geiseln machen, die hoffen ihre Abschlüsse zu erreichen und auch später noch das universitäre Stockholm-Syndrom leben.

Meine Lösung: So trage zur Demokratisierung des Universitätssystems und zum Abbau struktureller Gewalt bei und verweile nicht länger im Stockholm-Syndrom in treuer Komplizenschaft mit deinen dich entmutigenden LehrerInnen, die du vergötterst, sondern befreie dich, emanzipiere dich und schreibe und publiziere deine Texte, mögen sie auch nicht den höchsten oder gar überzogenen Ansprüchen genügen, von denen du gehört hast, dass sie notwendig seien, um publizieren zu dürfen.

Denn wie es schon früh in der Schule beginnt, lernt man auch später an der Universität vieles – vieles, was mit Anpassung zu tun hat. Jedoch lernt man nur in Ausnahmefällen, wenn man an freigeistige ProfessorInnen gerät, auch den Mut, das, was man gelernt hat, anzuwenden und davon auch immer wieder mal kreativ abzuweichen und eigene, neue Wege zu gehen.

Also publiziere! Lass die Welt an deiner Qualität teilhaben! Es würde den gelebten Wortschatz und Stil in den Medien bereichern. Denn die Legionen an AutorInnen und PublizistInnen ohne Sprachgefühl, die vorwiegend der Alltagssprache fähig sind und Massen an spracharmen Texten publizieren, tun es schließlich auch. Sie publizieren. Sie nehmen sich kein Blatt vor den Mund, und genauso wenig solltest du es!

Deshalb liebe Leserin, lieber Leser, liebe angehende Autorin, lieber angehender Autor, ob du nun Germanistik studiert hast oder nicht, oder gerade an deinen Deutschunterricht mit Schrecken oder Freude (zurück)denkst, ergeht mein Appell an dich: Trau dich! Sei kreativ! Befreie dich und wage es, auch literarisch, mutig deine eigenen, neuen Wege zu gehen und es der Welt zu zeigen!

Denn Texte von morgen brauchen keine ProfessorInnen von gestern. Und genau das brauchen die Menschen heute: Texte von morgen.

Dr. Dr. Immanuel Fruhmann

alias I.G. Fruhmann

Y 8:8; Y 7:14

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